
Suche nach Gründen für Prokrastination
Es gibt Aufgaben, die man nicht gern erledigt. Alle anderen Aufgaben auf der Liste sind abgehakt, aber eine bestimmte bleibt immer unerledigt. Stattdessen beschäftigt man sich mit etwas anderem. Man muss eine Präsentation erstellen, aber stattdessen schaut man Videos auf YouTube, sucht nach Dingen in einem Online-Shop oder macht im besten Fall die Wohnung sauber. Kommt dir das bekannt vor? Ich möchte heute über Prokrastination sprechen.
Ich werde nicht darüber erzählen, wie ich Prokrastination überwunden habe. Denn ich habe es nicht getan. Ich schaffe nicht immer alles, was ich geplant habe. Wenn ich irgendetwas nicht gemacht habe, dann gibt es bestimmte Gründe dafür. Meine Gedanken dazu möchte ich mit dir teilen.
Vielleicht bin ich faul
Prokrastination wird häufig mit Faulheit verwechselt. Die Psychologen Tanya van Essen und Henri Schouwenburg bieten eine sehr anschauliche Erklärung, die hilft, diese beiden Begriffe voneinander zu unterscheiden.
Zwischen der Entstehung einer Aufgabe und ihrer Umsetzung durchlaufen wir bestimmte Phasen:
- Eine neue Aufgabe ist da.
- Das ist der optimale Zeitpunkt, um die Aufgabe zu erledigen.
- Ich habe vor, diese Aufgabe zu erledigen.
- Umsetzung der Aufgabe.
- Deadline für die Aufgabe.

Wenn wir einfach faul sind, läuft es folgendermaßen ab. Hier ist ein Beispiel:
Helga bemerkt, dass ihre Website aktualisiert werden muss, um neue Kunden anzuziehen (Schritte 1 und 2). Sie denkt darüber nach und entscheidet, dass es nicht dringend ist. Schließlich hat sie bisher auch ohne eine aktualisierte Website Kunden gewonnen (sie verschiebt Schritt 3). Trotz der Erkenntnis, dass eine moderne Website wichtig ist, schiebt sie die Überarbeitung aufgrund anderer „dringenderer“ Aufgaben immer weiter hinaus.
Wenn wir Faulheit darstellen, sieht es so aus:

Faulheit ist das passive Nichtwollen, irgendetwas zu tun. Das heißt, eine Person tut nichts einfach deshalb, weil sie es nicht will. Faulheit tut uns nicht weh. Die Aufgabe ist zwar nicht erledigt, aber wir haben kein schlechtes Gewissen darüber.
Was bedeutet Prokrastination?
Wie sieht es aber aus, wenn wir nicht faul sind? Schauen wir uns dasselbe Beispiel an, aber diesmal wird Helga prokrastinieren.
Bei Prokrastination plant Helga tatsächlich die Aktualisierung ihrer Website (Schritt 3), fängt aber nie wirklich damit an. Die Aktualisierung der Website wird immer wieder verschoben. Sie ist motiviert und setzt sich das Ziel. Helga beginnt jedoch jeden Tag mit anderen Aufgaben, die „dringender“ erscheinen – E-Mails beantworten, neue Illustrationen erstellen oder den Arbeitstisch aufräumen. Das Update der Website wird täglich neu geplant, aber immer wieder verschoben, weil stets andere Tätigkeiten in den Vordergrund treten.
Prokrastination können wir so darstellen:

Die Verzögerungstaktik ist ein klassisches Zeichen von Prokrastination. Prokrastination ist das unbewusste Aufschieben unangenehmer Aufgaben mit Hilfe anderer Dinge. Das blödeste daran ist, dass man währenddessen nicht nur die eigentliche Sache nicht erledigt, sondern man Dinge macht, auf die zu tun man ohne diese Aufgabe im Traum nicht käme.
Was macht Prokrastination mit uns?
Bevor wir darüber sprechen, was wir gegen Prokrastination tun können, möchte ich über die Auswirkungen davon sprechen.
Wir haben geplant, etwas zu tun. Wir merken, dass wir es nicht tun, und ärgern uns über uns selbst. Unser Gehirn schützt uns und schlägt Alternativen vor, um zu beweisen, dass mit uns alles in Ordnung ist.

Was mich aber immer wieder überrascht, ist, dass Prokrastination müde macht. Ja, ich habe nichts erledigt, was ich geplant habe. Ich habe viele andere Dinge gemacht.
Das ist das Paradox der Prokrastination. Man verschwendet mehr Kraft und Zeit auf Schuldgefühle, Angst und das Aufschieben unangenehmer Aufgaben als auf die Aufgabe selbst. Faulheit hingegen ist kein schmerzhafter Zustand (eher im Gegenteil). Ich bin nicht besorgt, mache mir keine Gedanken und habe keine Schuldgefühle, weil ich von Anfang an nicht vorhatte, etwas zu tun.
Was kann ich gegen Prokrastination tun?
Ich bin dafür, dass wir nicht gegen Prokrastination kämpfen. Viel sinnvoller ist es, sie als Signal wahrzunehmen, dass etwas schief läuft.
Der erste Schritt ist, zu bemerken und sich bewusst zu werden, dass man gerade prokrastiniert. Vor ein paar Tagen habe ich mich dabei ertappt, wie ich prokrastiniere. In diesem Moment ist es wichtig, sich selbst zu sagen: „Oh, ich tue momentan nicht das, was ich wollte. Was hindert mich daran, mit der Aufgabe zu starten?“
Mir hilft es, aufzuschreiben, welche Gedanken ich in diesem Moment habe. Wenn wir den Grund kennen, können wir aktiv werden.
Nach Gründen suchen - Prokrastination überwinden
Angst zu haben - bewusst werden
Prokrastination entsteht aus Angst. Sich dies bewusst zu machen, hilft, ein Stück weiterzukommen.
Ja, diese Arbeit ist für mich unangenehm. Ich habe Angst, dass ich etwas an der Website kaputt mache. Deswegen mache ich erstmal nichts. Wenn man sich dies bewusst macht, wird man ruhiger und entspannter. Diese Erkenntnis hilft einem, besser zu arbeiten.
Ja, ich habe Angst, aber ich muss es trotzdem machen. Wenn ich es jetzt mache, brauche ich keine Angst mehr zu haben. Ich muss es ja sowieso machen.
Es ist wie ein Pflaster abzumachen. Das Schwerste ist, sich dafür zu entscheiden. Wenn man aber einmal begonnen hat, gibt es keinen Weg zurück.
Aufgabe scheint zu schwer zu sein - aufteilen
Wenn die Aufgabe schwer und nicht realisierbar erscheint, weiß ich nicht, womit ich anfangen soll. In diesem Fall setze ich mich hin und schreibe alle Schritte auf, die ich machen muss. Anders gesagt, ich teile die Aufgabe auf. Manchmal verstehe ich schon währenddessen, dass die Aufgabe gar nicht so groß ist, wie ich sie mir ursprünglich vorgestellt habe.
Die Website zu öffnen und erst einmal anzuschauen, ist keine schwere Aufgabe. Anschließend kann man überlegen, welche Inhalte aktualisiert werden müssen. Vielleicht beginnt man damit, die alten Fotos durch neue, aktuelle zu ersetzen. Und so fängt man unbemerkt für sich selbst an, daran zu arbeiten.
Die Arbeit selbst kann tatsächlich viel Freude und Begeisterung bringen. Am Ende kann man überrascht sein, wie einfach es eigentlich war. Das Schwerste ist es, überhaupt anzufangen.
Müde sein - nichts tun
Manchmal habe ich einfach keine Lust irgendetwas zu machen. Der häufigste Grund dafür ist, dass ich müde bin. Die Kinder waren die ganze Woche krank, zu wenig Schlaf und zu wenig Ruhe haben mich dorthin gebracht, wo ich mich gerade jetzt befinde.
Dann muss ich mich erholen. Ich gebe mir Zeit für bewusste Prokrastination, auch wenn ich etwas dringend erledigen muss. In dem Zustand werden ich meine Arbeit ohnehin nicht gut machen und setze mich nicht zusätzlich unter Druck dazu.
Gar nicht zu Prokrastination kommen lassen
Prokrastination ist ein Zeichen dafür, dass mein ganzes „Ich“ sich gegen diese Tätigkeit wehrt. In der Realität bedeutet das, dass ich dieses Projekt, diese Aufgabe oder diesen Kunden gar nicht haben wollte.
Es ist nicht das, was ich mir wünsche. Wenn es so anstrengend ist, wäre es vielleicht besser diesen Kunden weiterzuempfehlen? Oder ganz auf ihn zu verzichten? Oder jemanden zu engagieren, der die Arbeit für mich macht?
Darauf zu verzichten ist der Weg. Von Anfang an. Es erst gar nicht dazu kommen zu lassen, dass man prokrastinieren muss.
Wenn eine Aufgabe auf mich zukommt: Hast du das Gefühl, dass die Aufgabe nichts für dich ist, verzichte darauf. Auch wenn es unangenehm ist, nein zu sagen. Die Folgen eines Jas können aber deutlich unangenehmer werden. Wenn ein Verzicht nicht möglich ist, muss man überlegen, ob es jemanden gibt, an den man die Aufgabe weiterleiten kann. Wer kann dieses Fotoshooting übernehmen? Kenne ich jemanden, der damit keine Probleme hat? Wenn ich zu einer Aufgabe ja sage, dann muss ich für mich festlegen, wann ich diese erledige. Jetzt oder an einen bestimmten Tag?
